«Sehen Sie sich vor»

Neue Zürcher Zeitung; 1. April 2008

Von unserem Ostmitteleuropa-Korrespondent Ulrich Schmid


Eigentlich hatte ich mich ja auf einen Frühlingsausflug gefreut. Aber als ich am 25. März aus Prag wegflog, verdeckte ein Schneesturm die Sicht auf die Piste, und in Odessa herrschen derzeit Temperaturen, wie sie Oleg Petschenko, ein 45 Jahre alter Schlachthofangestellter, «zu dieser Jahreszeit noch nie erlebt» hat. Andere gehen nicht ganz so weit, aber es ist ein ganz übler März am Schwarzen Meer, da ist man sich einig. Nachts frieren die Pfützen über, die Autofahrer kratzen Eis von der Windschutzscheibe, hungrige Katzen durchsuchen mit gesträubtem Fell Mülleimer, und manche Frauen - die modebewussteren leiden lieber - legen sich federleichte Schals aufs Haargebirge. Auf dem Weg nordwärts nach Transnistrien beginnt es zu schneien, und an der Grenze zur Transnistrischen Moldauischen Republik hat der Himmel jene bleierne Schneesschwere, die man beim Skifahren eindeutig besser verträgt als in einem alten Audi ohne nennenswerte Heizleistung in einer langen Kolonne vor dem Grenzposten bei Perwomaisk (etwa: «Erstmaingen» oder «Erstmaiikon»).


Riesige Mengen an Munition

Zwei Jahre ist es her, dass ich das letzte Mal in der winzigen Operettenrepublik am Dnjestr war, die auf moldauischem Territorium liegt. Transnistrien hat sich in einem kurzen Krieg im Frühling 1992 von der Moldau abgespalten. Im östlich des Dnjestrs gelegenen, stark industralisierten Teil des Landes, in dem die Russisch- und Ukrainischsprachigen in der Mehrheit sind, fürchtete man, die Moldau werde sich Rumänien anschliessen. Transnistrien wird von keinem Land der Welt, nicht einmal von Russland, anerkannt, ist aber von der Moldau heute faktisch vollkommen unabhängig und wird von einer Politikerkaste um den Präsident Igor Smirnow regiert, der gute Beziehungen zu Moskau unterhält, seine Untertanen mit einem riesigen, am KGB geschulten Beamtenapparat überwacht, die Medien knebelt und nur eine Pseudoopposition zulässt. Eine Art südliches Weissrussland? Sicher. Smirnow schätzt und bewundert Lukaschenko sehr, er hat es mir in seinem Palast in Tiuraspol vor vier Jahren - eine «Sobranie»-Zigarette rauchend, sein Lenin-Bärtchen streichelnd - bei einem Gläschen Wodka gesagt. Bis heute halten sich in der Transnistrischen Republik russische Truppen auf - illegale Besatzungstruppen nach Ansicht der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), Friedenstruppen nach der Lesart Moskaus. Was dem Westen derzeit mehr Kopfzerbrechen bereitet, sind die riesigen Mengen an Munition, welche noch immer im Norden Transnistriens gelagert werden.


Für die Moldau brauchen Schweizer keine Visa mehr. Ob dies für Transnistrien auch gilt, konnte mir der moldauische Konsul in Budapest, den ich vor der Reise anrief, nicht sagen - «wir haben dort keine Macht», meinte er resigniert, «sehen Sie sich vor». Ich machte mir keine Sorgen. Bis jetzt war ich stets problemlos nach Tiraspol, die Hauptstadt Transnistriens, gekommen, selbst 1992, als ich in einem Taxi durch das vom Krieg verwüstete Niemandsland fuhr. Mit einem gültigen Visum für die Moldau liessen einen damals auch die transnistrischen Zöllner ohne weiteres passieren - jahrelang achtete Smirnow darauf, mit dem Westen einigermassen gute Kontakte zu bewahren.


Unsere Pässe verschwinden

Das war einmal. Am Grenzposten in Kutschurgan nahe Perwomaisk ist der transnistrische Beamte zwar freundlich und nach ein paar Minuten Small talk gar zum Scherzen aufgelegt, aber als er erfährt, dass der Besucher Journalist ist, verdüstert sich seine Miene. Ich mache mir Vorwürfe, wie oft in solchen Momenten. Hätte ich einen anderen Beruf angeben sollen? Unsere Pässe - ich werde von einem alten Freund aus Basel begleitet - verschwinden, in Hinterzimmern wird telefoniert, und nach einer halben Stunde gibt der vorher so heitere Beamte eisig bekannt, uns werde die Einreise verweigert. Ich betrachte das zunächst als Präludium für ein kleines Palaver über die Höhe des Bestechungsgeldes. Aber ich irre: Der Mann lässt sich nicht bestechen. Nein, da könne er nichts tun. Im Informationsministerium in Tiraspol heisse es, wir seien zürückzuweisen, und Befehl sei Befehl, das werde ich ja wohl verstehen. Ich verstehe, und wir fahren erst zurück nach Odessa und von da nach Westen zum Grenzürbergang von Palanka, der direkt in die Moldau (also nicht über transnistrisches Gebiet) führt. Es ist ein langer Umweg, und da sich die moldauischen Grenzbeamten fast ebenso bürokratieverliebt zeigen wie ihre transnistrischen Kollegen, wird es Nacht, bis wir in Chisinau, der moldauischen Hauptstadt ankommen.


Seltsam, durch das ärmste Land Europas zu fahren. Die Moldau hat etwas unendlich Anmutiges, Wohlstand Suggerierendes. Ein Land als Garten. Landwirtschaft, vor allem der Anbau von Wein und Obst, dominiert hier alles, und obwohl nach dem russischen Import-Boykott auf moldauische Agrarprodukte viel zerfiel, wirkt die Landschaft gepflegt. Wie arm das Land ist, sieht man besser in den Dörfern und Städten: Kaum ein modernes Auto, viel weniger Handys als in Odessa, ärmliche Kleidung. Dafür wird Altes mit jener Liebe poliert, die im Überfluss rasch stirbt. Schmuck sind Häuser und Gärtchen, und auch die von Abfallbergen und weggeworfenen Plastictüten verunstalteten Plätze, von denen es in Odessa wimmelt, findet man kaum. Man kann nicht sagen, dass die Moldau darbt: In Chisinau vor allem, aber auch auf dem Land wird eifrig gebaut. Da und dort werden neu, elegant gestylte Geschäfte eröffnet, und manchmal entdeckt man sogar die Filiale eines Westunternehmens. Hier sind, wie uns ein junger Mann in Olenescht sagt, die Rücksendungen am Werk. Rund ein Viertel der 4,5 Millionen Moldauer arbeitet im Ausland, und das Geld, das diese Menschen regelmässig in die Heimat zurücksenden, macht nach Schätzungen internationaler Organisationen mehr aus als das gesamte Bruttoinlandprodukt. Mit anderen Worten: Ohne die Moldaurinnen und Moldauer, die in Russland, in der Ukraine und in der EU arbeiten, wäre das Land verloren. Auch Anna Petrowna, der wir in der Ortschaft Kerbuna begegnen, lebt zu einem guten Teil von den Rücksendungen ihrer Tochter, die in England als Au Pair Arbeit gefunden hat. Anna Petrowna ist aus Transnistrien herübergekommen, um im Haus ihres Vaters, der vor drei Wochen gestorben ist, aufzuräumen. Für sie ist der ganze Konflikt nur «ein dummes Theater», zu dem sie allerdings keine politische Meinung kundtut. Sie ist einfach froh, wenn man ihr an der Grenze keine allzugrossen Probleme macht.


Topos im Postkommunismus

Chisinau ist eine saubere, stille, schmucke Stadt mit einer Luft, die man tief einzieht, wenn man aus dem abgasverseuchten Odessa kommt. Stadtgespräch ist derzeit der Popularitätsrückgang von Präsident Wladimir Woronin, dessen Kommunisten bei den letzten Kommunalwahlen deutlich verloren haben und als verbrauchte Kraft gelten. Woronin kam 2001 an die Macht, weil sich die Menschen nach den Wirren der ersten demokratischen Gehversuche und einer wie überall skandalösen Privatisierung, von der nur die alte (kommunistische) Elite profitierte, nach Ordnung sehnten. Woronin bot diese an und gewann. Mittlerweile aber gilt der Mann, der die Korruption zu bekämpfen versprach, selber als restlos korrupt. Seine Machtstellung soll er, man hört es überall, skrupellos zur Bereicherung einsetzten - ein Topos im Postkommunismus.


Woronin sucht derzeit sowohl mit Moskau als auch mit Bukarest gute Beziehungen zu etablieren, denn er sieht sich bedroht. Der ehemalige Bürgemeister von Chisinau, Serafim Urechean, ist ihm mit seiner Allianz Unsere Moldau unangenehm nahegerückt. Urechean, ein ehemaliges Mitglied des Zentralkomitees der Moldauischen KP, gibt sich erzdemokratisch, aber er, und nicht etwa der Kommunist Woronin, ist der Mann Moskaus in der Moldau. Im Februar hat er sich mit der Nationalliberalen Partei verbündet, die ihrerseits gute Beziehungen zur Putin-Partei Einiges Russland unterhält, und seit er im Februar in Moskau aufgetaucht ist, um das Bündnis offiziell zu machen - es erschien auf der Webseite von Edinnaja Rossija - gilt es als ausgemachte Sache, dass Urechean schon bald eine grosse «liberale» Partei anführen wird, die Woronin bekämpfen soll. Woronin gilt dem Kreml als treuloser Kumpan, seit er 2003 einen in Moskau entwickelten Plan zur Beilegung des Transnistrien-Konflikts brüsk abgewiesen und sich nach der orangen Revolution in der Ukraine für einige Monate sogar ein demokratisches Mäntelchen umlegte.


Auf nach Transnistrien, auf nach Tiraspol!

Was wir an der ukrainischen Grenze nicht geschafft haben, das schaffen wir an der moldauisch-transnistrischen de-facto-Demarkation wie geschmiert. Der Chefbeamte an der von russischen Friedenstruppen überwachten Grenze bei Bender, hoch über dem Dnjestr, bestellt sich die westlichen Ausländer in sein gut geheiztes Kabinett, spricht sorgenschwer von einem fehlenden Stempel und sagt, als wir uns begriffsstutzig zeigen, ohne jede Scheu - und ohne jede Abscheu betrachtet von seinen rauchenden Subalternen -, mit einer kleinen Zuwendung werde sich das Problem schon lösen lassen. 200 ukrainische Hrywna (rund 40 Franken) wechseln die Hand, einen Augenblick lang riecht es unangenehm nach Verbrüderung, wir werden ermahnt, ja keine Fotos zu machen, und dann geht es hinunter zur 1992 hart umkämpften Brücke über den Dnjestr. Rund eintausend Menschen kamen damals ums Leben. Mitten in Tiraspol, unmittelbar gegenüber dem Regierungssitz, erinnern ein grosses Denkmal, ein russischer Panzer und eine Ewige Flamme an die Opfer. Nur der 14. Russischen Armee, damals noch unter der Führung General Alexander Lebeds, hatten es die Transnistrier zu verdanken, dass sie von den eben gebildeten moldauischen Streitkräften nicht überrannt wurden.


Tiraspol konnte bis vor wenigen Jahren als kleine stalinistische Zeitkapsel gelten. Heute ist das anders. Rote Losungen sind kaum noch zu sehen, der Kommerz hat Einzug gehalten, und westliche Währung, egal welche, wird an Stelle der «Suworowi», der schmierigen transnistrischen Monopoly-Rubelchen, gerne angenommen. Neben der «Kaffee-Bar Eilenburg» - das sächsische Eilenburg ist Partnerstadt Tiraspols - hängen Che-Guevara-Porträts, aber die Bedienung ist nicht langsam und feindlich wie einst im real existierterenden Sozialismus, sondern so «gutherzig und aufmerksam» wie im Menu versprochen. Das Essen ist dann geradezu westlich währschaft und lecker, die Kellnerinnen sind zweisprachig etikettiert, und unbarmherzig dröhnt der Fernseher. Rauchen gestattet; die Gäste bleiben sitzen, nur die Kellnerin «Natalya/Natasha» begibt sich nach draussen und gestattet sich, die Arme an den Leib gepresst, unter dem Poster des schwarzgelben Che eine Zigarette. Vorzüglich schmeckt der Salat «Zartheit von Schwester Teresa», der Salat «Rast im Scherwoodwald» nicht weniger. War da ein Hauch Ostdeutschland? Die Sonne lacht, am Ufer des Dnjestr skateboarden einige Kids. Die Älteren, die vom Westen und nicht von Russland träumen, rauchen und trinken Bier. Das Hotel «Aist», vor einigen Jahren noch eine der lausigsten Herbergen im exsowjetischen Raum, wird gerade renoviert; ein paar Schritte weiter wirbt knallig die Filiale von DHL. Ist das nun der Sozialismus, den Smirnow so preist? «Sheriff», nicht «Pionier» oder «Komsomolze» heisst die grösste lokale Supermarkt-Kette, «Sheriff Tiraspol» der Fussballklub, der in der moldauischen Meisterschaft mitspielt. Der Kapitalismus siegt auch hier; will man ihn am Siegen hindern, muss man ihn totalitär bekämpfen. Wir fotografieren, während Polizisten vorbeispazieren; keiner interessiert sich für uns.


Ein slawisches Übergewicht

Von Kosovo ist natürlich viel die Rede. Doch ob sich Smirnow über die Unabhängigkeit der Kosovaren tatsächlich freut? Russland ist die einzige Orientierungsgrösse für Tiraspol, ohne Russland läuft hier nichts, ohne Russland wäre Transnistrien längst wieder ein Teil der Moldau. Aber was will Russland? Der Kreml ist ja durchaus nicht erfreut über Unabhängigkeits- oder Irredenta-Bewegungen, denn sie könnten in Russland lebende Ethnien zur Nachahmung beflügeln. Wie Moskau darauf reagiert, haben die Tschetschenen bereits leidvoll erfahren. Ich denke zurück an meinen Besuch in Grosny im Januar 1995: Horrorbilder, neben denen die kaum noch sichtbare Zerstörung am Dnjestr restlos verblasst. Auch der Vergleich mit den primär ethnisch bedingten Konflikten in Abchasien und Südossetien hinkt. Hier, in Transnistrien, stellen die Rumänischsprachigen mit knapp 32 Prozent immer noch die stärkste Gruppe, gefolgt von den Russen mit gut 30 Prozent und den Ukrainern mit knapp 29 Prozent. Es gibt ein slawisches Übergewicht, sicher, aber das Land ist gut durchmischt. In der Moldau leben mehr Slawen als in Transnistrien. Eine Lösung könnte gefunden werden, keine Frage.


Warum Moskau den kleinen, strategisch bedeutungslosen Spickel Land am Dnjestr so hartnäckig hält, ist vielen ein Rätsel - vermutlich ist die Region eine Art Testfeld für neu russische Strategien und für die Konzessionsbereitschaft des Westens. Seit Anfang Jahr zeichnen sich im Denken Moskaus neu Elemente ab. Der Politologen Igor Bunin vermutet, Russland sei unter zwei Bedingungen bereit, seine Truppen abzuziehen. Erstens müsse die Region «konföderativen» Status erhalten, mit anderen Worten: ein Vetorecht gegen Entscheide Chisinaus. Und zweitens müsse sich Chisinau hochoffiziell zur Neutralität verpflichten, mit anderen Worten: müsse versprechen, sich niemals der Nato anzuschliessen. Dass Gazprom dazu auch noch die gesamte Energie-Infrastruktur der Moldau übernehmen will, versteht sich. Der Mann, der dieses Konzept den Moldauern vermitteln soll, ist höchstwahrscheinlich Urechean. Man wird sich nicht wundern dürfen, sollte sein Name in Europa schon demnächst bekannter werden.


Eisige Luft

Auf der Fahrt zurück nach Odessa kommen wir wieder zum Grenzposten von Kutschurgan bei Perwomaisk. DieLuft ist so eisig wie am Vortag, doch nun ist der Himmel blau, und in den Buden sitzen andere Beamte, die zwar weniger höflich als der Unerbittliche vom Vortag sind, aber dafür flexibler. Sie erfinden ein Gesetz, das vorschreibt, dass man das Land nur an der Stelle verlassen dürfe, an der man eingereist sei, und da der Umweg in diesem Falle gut 100 Kilometer betrüge, zücke ich sofort wieder das Portmonnaie. Lachen, Händeschütteln, ach, wie gut man sich doch verträgt, wenn man die Dinge nicht so eng sieht. Vom ukrainischen Grenzposten dann ein letzter Blick zurück in die Welt der permanenten, omnipräsenten Kontrolle. Egal, ob in Transnistrien, in Weissrussland oder in Russland: Polizisten, wohin man schaut. Hoch geht der Stock, man bremst, fährt an den Strassenrand, und dann erscheint diese einmal lächelnde, einmal ernste, aber dennoch ewiggleiche Fratze im Fenster, die ohne jedes Wort sagt: Pass auf, Towarischtsch. Jetzt zahlst du, und zwar subito, oder ich überprüfe deinen Wagen, oder ich finde in deinen Papieren einen Fehler, oder ich nehm dich gleich mit auf den Posten - zum Verhör, zur Blutprobe, egal, dir wird's nicht gefallen. Und dann dieses ergebene Nicken des Fahrers, der weiss, dass all dies wahr ist, dass er keine Chance hat gegen diese Saubande, dass er zahlen muss und dann auch noch danken - es sei denn ... es sei denn, er fahre einen schweren Mercedes oder einen dieser SUV mit abgedunkelten Fenstern, die dem Beamten sofort klarmachen, dass er es hier mit einem Etablierten zu tun hat, dessen Verbindungen zur Macht man besser gar nicht erst testet. Den man gleich durchwinkt, mit servilem Grinsen, die eine Hand am Hut, die andere hinter dem Rücken, wegen der Zigarette. Vornehm knirschen die Reifen der Riesenautos auf dem Kies. Gleich daneben, am Gitter, sitzen vier Frauen auf ihren Taschen und Plastictüten. Moldaurinnen, die in der Ukraine einkaufen waren. Sie warten hier seit sechs Stunden. «Ach, was soll's, junger Mann! So ist das Leben!».