Die Republik Moldau, wo am Mittwoch ein neues Parlament gewählt wird, ist das Armenhaus Europas – und ein Jagdgrund für skrupellose Menschenhändler.
Der Mann war wütend. «Was?», schrie er ins Telefon. «Dafür habe ich bezahlt? Für eine Frau mit einer Narbe auf dem Bauch?» Natalja (alle Namen geändert) zog sich gerade wieder an in diesem fremden Hotelzimmer auf Zypern. Der Mann tobte noch ein bisschen, dann fuhr er Natalja ins Spital – zum Aidstest. Der Albtraum der jungen Moldauerin begann erst.
Dabei war Natalja voller Hoffnung gewesen. «Ich kann dir Arbeit vermitteln», hatte Verena gesagt, die zufällige Bekannte aus dem Provinznest in der Heimat. «Meine Schwester arbeitet bei einem reichen Mann auf Zypern, Haushalt machen, auf die Kinder aufpassen und so.» Das Angebot klang verlockend. Natalja brauchte dringend Geld, sie war frisch geschieden, hatte drei kleine Kinder, keinen Job und keine Perspektiven.
«Ich wunderte mich noch, wie schnell alles ging»
Die Republik Moldau ist eines der ärmsten Länder Europas. Wer Glück hat, verdient hier 250 Dollar im Monat. Für viele Junge gibt es überhaupt nichts zu tun. Ausser, sein Glück im Ausland zu versuchen. «Ich wunderte mich noch, wie schnell alles ging», sagt Natalja heute.
Nur Tage nachdem sie Verena kennen gelernt hatte, sass sie schon auf dem Flughafen von Chisinau, in der Tasche ein Ticket nach Nordzypern. Natalja erzählt ihre Geschichte in einem Atemzug, schnell, lebendig, als müsste etwas aus ihr raus. Sie ist eine hübsche Frau, 29 Jahre alt, das kastanienbraune Haar mit einem rosa Band zurückgebunden. «Wie wird es wohl sein, dort, wo ich hinfahre?», dachte sie im Flugzeug – und träumte. 500 Dollar hatte man ihr im Monat versprochen. Das hätte gereicht, um die Kinder durchzubringen.
Schon früher missbraucht
Die Menschenhändler suchen sich ihre Opfer meist nicht zufällig aus. Viele sind schon früher missbraucht worden – von Vätern oder Ehemännern; viele sind alleine, verzweifelt. Und fast alle sind arm. Die Moldau, der kleine Sprengel zwischen der Ukraine und Rumänien, ist ein besonders beliebter Jagdgrund.
Rund 500'000 Moldauer verdingen sich im Ausland – ein Drittel der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung. Die Männer schuften auf Baustellen in Russland, die Frauen pflegen Alte in Italien, putzen Villen in Portugal. Die drückende Armut hat die Moldau aus der Sowjetzeit geerbt. Die Kommunisten siedelten die meiste Industrie in Transnistrien an – dem Landesteil, der sich Anfang der 90er-Jahre abspaltete. Die Moldau verlor einen Grossteil ihrer Wirtschaftskraft. Ihr blieb nichts als Wein, Äpfel, Tomaten – und ihr menschliches Potenzial.
Am Flughafen wartete ein Mann
Am Flughafen auf Zypern wartete ein Türke auf Natalja. Er brachte sie in jenes Hotelzimmer, in dem sie sich ausziehen musste. 1500 Dollar hatte er für sie bezahlt, da wollte er die Ware begutachten. Die Operationsnarbe auf dem Bauch der jungen Frau erzürnte den Mann. Warum, das verstand Natalja zunächst nicht ganz.
Wie Schuppen von den Augen fiel es ihr erst, als sie der Zuhälter in ein als Casino getarntes Bordell brachte. Natalja, verwirrt und verunsichert, fragte eine andere junge Frau, was sie jetzt tun müsse. «Was?», sagte diese spöttisch. «Du wirst tun, was alle tun: tanzen und mit den Kunden schlafen.»
Nur Drogen und Waffen bringen mehr Geld
Hatte sie denn vorher nie etwas gehört von den Menschenhändlern? War sie sich der Gefahr nicht bewusst gewesen, fragen wir Natalja. «Nein», sagt sie. «Ich hatte ein häusliches Leben gelebt, mit den Kindern, auf dem Land.»
Menschenhandel ist ein Geschäft. Nur bei Drogen und Waffen ist die Marge höher, sagen Experten. Die Formen des Missbrauchs unterscheiden sich – das Muster aber wiederholt sich. Die Opfer werden erst angeworben, dann transportiert, dann ausgenützt – und bei Bedarf weiterverkauft. Das amerikanische Aussenministerium schätzt, dass jährlich 800'000 Menschen über Landesgrenzen verfrachtet werden. Dazu kommen Millionen weiterer Opfer, die in ihrer Heimat ausgenützt werden: Sexsklaven in Afrika, Fabrikarbeiter in China, Erntehelfer in Europa.
Die Opfer sind misstrauischer geworden
Jahrelange Aufklärungskampagnen haben den Menschenhändlern das Handwerk erschwert. Die potenziellen Opfer sind misstrauischer geworden, Zöllner und Polizisten wachsamer. Doch die Branche hat sich diesen veränderten Bedingungen angepasst. «Die Menschenhändler sind uns stets einen Schritt voraus», sagt Alina Budeci, Psychologin bei der Opferhilfe-Organisation La Strada. Früher hätten die Dealer per Inserat unzweideutig «Mädchen ohne Komplexe» gesucht, heute täuschten sie normale Arbeit vor. «Pässe und Visa werden nicht mehr gefälscht, sondern im Original besorgt. Zögernde Interessenten erhalten sogar einen Arbeitsvertrag», sagt Budeci.
Sind die Opfer erst in die Falle getappt, ist es meist zu spät. Natalja war in dem Bordell richtig gefangen: Rund um das Gebäude verlief ein Zaun; es patrouillierten Wachleute. Wagte eine der Frauen Widerstand, schlug der Zuhälter zu. Immer wieder, brutal, sadistisch. Auch Natalja bekam Prügel, als sich ein Freier beschwerte, ihm habe die Dienstleistung nicht gefallen. «Du machst, was man dir sagt», brüllte der Zuhälter, während er die Hand erhob. «Und du musst immer schön lächeln.» Natalja gehorchte. «Mir war es so peinlich», sagt sie, und schliesst für einen Moment die Augen, «nackt zu sein vor diesen Fremden.»
In all dem Elend gab es einen Lichtblick, und das war ein Mann – ein Kunde dieses Bordells. «Er hatte Mitleid mit mir wegen der Kinder», sagt Natalja. Er mietete die junge Frau immer wieder für ein paar Stunden, rührte sie aber nicht an. Mithilfe eines Wörterbuchs unterhielten sie sich. Nach zwei Monaten kaufte der gute Kunde Natalja ganz. Er hatte dem Zuhälter gesagt, er wolle selber in Geschäft mit jungen Frauen einsteigen – und seine Lieblingsprostituierte weiter verschachern. Stattdessen drückte er Natalja ein Flugticket in die Hand und schickte sie nach Hause.
Auch Männer sind Opfer
Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Menschen in der Moldau jedes Jahr verschleppt werden. Die NGO La Strada weiss von rund 1000 Menschen, die ins Ausland arbeiten gingen und seither verschwunden sind. Mehrere Hundert Opfer, die meisten Frauen, sind bereits zurückgekehrt. Betroffen sind aber auch Männer. Psychologin Budeci kennt Fälle von Moldauern, die wie Sklaven auf russischen Baustellen gehalten wurden. Andere müssen bei Wasser und Brot auf Bauernhöfen helfen.
Und die Menschenfänger sind immer noch auf der Jagd. In der Hauptstadt Chisinau wird kaum etwas so aktiv beworben wie die Emigration. Riesige Plakate am Hauptboulevard versprechen eine Zukunft in Kanada, gelbe Zettel an schmutzigen Laternenpfählen locken mit Aupair-Jobs. In Zeitungsannoncen werden Kellnerinnen, Arbeiter, Krankenpflegerinnen gesucht – in Italien, Russland, auf Zypern oder in den Arabischen Emiraten. Nicht alle Angebote sind unseriös, viele schon. Man müsste das genau prüfen. Aber wer hoffnungslos arm ist, der pfeift auf Vorsicht. Genauso wie Natalja, als ihr Verena einen Job als Haushaltgehilfin anbot. (Tages-Anzeiger)
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